Michail Bulgakow: Der Meister und Margerita

„Willst du nicht so gut sein, einmal darüber nachzudenken, was dein Gutes täte, wenn das Böse nicht wäre, und wie die Erde aussähe, wenn die Schatten von ihr verschwänden? Kommen doch die Schatten von den Dingen und den Menschen. Da ist der Schatten meines Degens. Aber es gibt auch die Schatten der Bäume und der Lebewesen. Du willst doch nicht etwa den Erdball kahlscheren, alle Bäume und alles Lebende von ihm entfernen und deine Phantasie kahlem Licht ergötzen? Du bist dumm.“

Moskau Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Teufel in der Identität des Ausländers „Volands“ erscheint samt Gefolgschaft in der Karwoche. Der Zeitpunkt ist wohl erdacht und die Haupthandlung eng mit dem Roman des Protagonisten, der sich Meister nennt, verstrickt, welcher von der Hinrichtung Jesu Christi handelt. Doch wer glaubt denn tatsächlich, dass Jesus existierte? Bulgakow eröffnet den Roman mit eben dieser Diskussion, welcher sich zwei Bürger hingeben – bis sich der Teufel dazugesellt und sich ungefragt einmischt. Wie Dominosteine tippt er eine Menschenseele nach der anderen an und bringt sie zu Fall. Seine Gehilfen stiften Unruhe, verwirren die Gemüter, treten als Narren in Erscheinung, welche die Satire zur Spitze treiben, bis die Stadt eine reine Farce ist.
 Doch zwei Gestalten bleiben verschont: der Meister und seine Geliebte Margarita.

„Wer liebt, muss das Los dessen teilen, den er liebt.“

Das Liebespaar verlor sich lange aus den Augen, die Zeit nagte an ihren Herzen, Trauerfalten legten sich wie Schleier über ihre einsame Existenz. Doch Voland gibt seinen alljährlichen Ball und benötigt eine Königin – Margarita schließt einen Pakt mit dem Teufel. Und wird belohnt.

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„Horch, die Stille, horch und genieße das, was dir nie im Leben gegeben war – die Lautlosigkeit.“

Bulgakow zeichnet auf witzige, karikative Art ein Bild des realen Moskaus Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch koppelt er diese Gesellschaftssatire mit philosophischem Gedankengut über das Gute und Böse, Gott und Teufel, Leben und Tod und lässt von Zeit zu Zeit Parallelen zu Goethes Faust aufblitzen. Des Teufels Taten zeigen sich stets durchdacht und die Spinne schnappt im Netz seiner Intrigen zu: Es ist die größte Sünde die Feigheit. Als roter Faden zieht sie sich durch den Roman und lässt die oft erst auf den zweiten Blick ersichtliche Gerechtigkeit walten.
 Mit jedem Satz, jeder Konversation müssen wir uns unweigerlich eingestehen: Wir haben es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem Genie! An was glauben wir, wovor müssen wir zittern? An was glauben wir nicht und können uns auch demnach nicht zur Wehr setzen? Lohnt es an etwas zu glauben, wofür uns das System unterdrückt, wenn wir diesen Dingen einen Namen geben? Oder ist Feigheit eine Bequemlichkeit eigene beschränkte Interessen zu verfolgen? In dieser Spukgeschichte finden wir die Antwort.
Bulgakow erschafft Figuren, die in ihrer überspitzten Darstellung ins Unreale abzudriften scheinen, doch uns nach der Lektüre im realen Leben nicht mehr loslassen. Wie ein Zeck sitzt der Teufel uns im Nacken, beobachtet uns, ermahnt uns. Wir erschaudern und werden still – und genießen es still zu sein in dieser lauten, starren Welt. Denn ist das wirklich real, was wir zu denken glauben?

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